Thomas Heberer
Wo stehen wir?

Die sich ehemals gegenseitig bedingenden Teilmengen ganzheitlicher Welt-
anschauung, also Religion, Politik, Wissenschaft und Kunst, wurden im Zuge
ihrer Entflechtung in mehr oder minder unabhängige, ausdifferenzierte Kultur-
subsysteme überführt.

Damit vollzog sich -- unter weitesgehender Aufgabe der zuvor den verknüpfenden
Kitt liefernden allgemeinen, übergreifenden Ordnungen bzw Steuerungsinstanzen --
der Wechsel von der normintegrierten zur pluralistischen Gesellschaft.

Heute ist jedes Individuum -- ob es will, oder nicht, und meistens will es nicht --
zum Architekten seines eigenen Werteuniversums geworden. Der Lebensweg, der
zuvor in erster Linie durch Herkunft und Konvention vorgezeichnet war, erfordert
es nun, eigenverantwortlich zu agieren, d. h. Antwort zu geben.

Tatsächlich steht aber jede Antwort im Kontext ihrer Umgebung, mit der Konsequenz,
dass Antworten dort gefunden werden, wo sie sich aufdrängen.

Anders gesagt: Ist die Katze aus dem Haus, wird es den Mäusen öd.

Will heißen: In Ermangelung einer übergeordneten Werteorientierung wird ja nicht
plötzlich die Mehrheit nach ihrer eigenen Fasson glücklich, denn danach jeweils
individuell und selbstbestimmt zu suchen, ist nur für Wenige erstrebenswert.

Nein, vielmehr hat die materialistische Werteorientierung hier leichtes Spiel die ent-
standene Lücke zu füllen, schlicht und einfach deshalb, weil ihr von anderer Seite
nichts entgegengesetzt wird.

Dies ist angesichts endlicher Ressourcen auch deshalb eine Sackgasse, weil hierbei
außer Acht gelassen wird, dass das Erkenntnisstreben der Menschen, ihre universellen
Fragestellungen an Metaphysik und Ethik, authentisch ist.

Ein Gesellschaftsentwurf nämlich, der die ökonomische Werteorientierung nicht durch
normierend wirkende Zielvorstellungen ergänzt, verkennt, dass das Postulat von Sein
durch Haben das Vakuum, das die "den Himmel abräumenden" Naturwissenschaften
hinterlassen haben, nicht aufzufüllen in der Lage ist.

Wir benötigen somit eine Renaissance des Spirituellen jenseits von Religion, eine auf
Erkenntnisgewinn abzielende Bildung sowie die Förderung eines revitalisierten Gemein-
sinns, um zu gewährleisten, dass den sich an allen Ecken und Enden des gesellschaft-
lichen Spektrums abzeichnenden Bröckelbewegungen bzw Endsolidarisierungen ent-
gegengewirkt werden kann.